Mentale Gesundheit ist politisch

Beschlossen von der Landesmitgliederversammlung der GRÜNEN JUGEND Thüringen vom 06. – 07. 11. 2021 in Hütten

Mentale Gesundheit ist politisch

[Triggerwarnung: Suizid]
2020 nahmen sich in Deutschland jeden Tag 23 Menschen das Leben. Alle fünf Minuten, so vermuten Fachleute, versucht jemand, Suizid zu begehen. Während der Covid-19 Pandemie mussten Kliniken ihre Türen schließen, weil es zu viele Patient*innen gab. Zeitweise konnten nur noch Menschen „mit akuter Suizid-Gefahr“ behandelt werden und viele Millionen andere saßen ohne Hilfe zuhause. Ca. 8,2 % bis 12% der deutschen Gesamtbevölkerung leiden über ein Jahr gerechnet an depressiven Störungen, die Tendenz steigt und die Dunkelziffer liegt vermutlich noch höher.


Mentale Gesundheit ist politisch. Denn wieviele Therapieplätze zur Verfügung stehen, wie über psychische Krankheiten geredet wird und welche Präventionsmaßnahmen es gibt, sind Entscheidungen, die getroffen werden. Dazu gehört aber auch, die kapitalistische Leistungsgesellschaft zu kritisieren und dessen Einflüsse auf unsere mentale Gesundheit zu benennen. Im folgenden Antrag loten wir aus, welche Stellschrauben es gibt und auf welche Bereiche wir einen besonderen Fokus legen, damit „Mental Health Matters“ auch endlich in guten politischen Entscheidungen mündet.

Prävention und Therapie – Gesundheitspolitik
In Deutschland warten Menschen durchschnittlich 22 Wochen, also mehr als 5 Monate, auf einen ambulanten Psychotherapieplatz. Dazu kommt, dass in ländlichen Gebieten deutlich weniger Angebote vorhanden sind. Ein Grund für den Mangel an Therapieplätzen ist die Berechnung des Bedarfes, die nach wie vor oft nach veralteten Standards verläuft und nicht mehr zeitgemäß ist. Es braucht endlich flächendeckend Psychotherapeut*innen mit Kassensitz. Um die langen Wartezeiten zu verkürzen und Therapeut*innen zu entlasten, muss die Aufteilung eines Kassensitzes auf mehrere Therapeut*innen. Deshalb fordern wir langfristig sinnvollere Verteilungsmechanismen z.B. über die Möglichkeiten zum Kauf von Kassensitzen mit weniger, aber dafür vollständig genutztem Volumen.


Wer keinen Therapieplatz findet, einmalige Beratung sucht oder andwerweitig Fragen hat, kann oft von Übergangsstellen aufgefangen werden. Solche Stellen, wie psychosoziale Beratungsstellen oder Sucht- und Präventionszentren müssen ausgebaut werden und flächendeckend erreichbar sein. Besonders für Geflüchtete, BIPoC, FLINTA*, queere und junge Menschen muss es geschultes Personal geben, dass auch proaktiv Orte aufsucht, an denen sich diese Menschen aufhalten und Gesprächsangebote macht.

Bildungspolitik
Um psychischen Erkrankungen vorzubeugen und sie frühzeitig zu erkennen, braucht es in Schulen Personal, das im Bereich der mentalen Gesundheit gut geschult ist. Wir fordern eine breite Aufstockung der Anstellungen für Schulpsycholog*innen, Schulsozialarbeiter*innen und ähnlichen Stellen, sowie verpflichtende Schulungsangebote dieser für alle Bereiche der mentalen Gesundheit.

Wir sehen Bildung als Verantwortungsträgerin. Um einen Prozess der Entstigmatisierung einleiten zu können und gleichzeitig präventiv vorzugehen, muss gerade im Bildungssystem das Thema Mentale Gesundheit stärker thematisiert und im Lehrplan verankert werden. Dazu gehört das Aufklären über psychische Krankheiten und die Entstigmatisierung dieser. Außerdem sollten Schüler*innen über Mentale Gesundheitsversorgung und Therapiemöglichkeiten informiert werden, denn besonders in der Pubertät können psychische Erkrankungen ausgelöst werden. Gesundheitsbewusste Ernährung, Sport, ein ausgewogener Lebensstil sowie eine gesunde verantwortungsvolle Aufgabeneinteilung- und Strukturierung, kann präventiv wirken und Krankheiten vorbeugen. Auch solche Themen sollen Platz in den Lehrplänen finden. Schüler*innen, die aufgrund psychischer Probleme weniger leisten oder anwesend sein können, sollte entgegengekommen werden. Dabei darf die Erkrankung nicht verharmlost werden und der*die Schüler*in nicht diffamiert und mit Nachteilen am Ende des Schuljahres belastet werden. Diese Handhabung sollte in jeder Schule durch entsprechende Leitlinien geregelt werden.

Break the Stigma!
Über psychische Erkrankungen, Stress oder Überforderungen zu sprechen ist in der Gesellschaft weitesgehend mit viel Scham besetzt und ruft nicht selten unsensible und zurückweisende Reaktionen hervor. Oft trauen sich Menschen nicht, offen über ihre Krankheit zu sprechen aus der berechtigten Angst, dadurch Nachteile beispielsweise bei der Jobsuche zu haben. Helfen können hier Werbe- und Aufklärungskampagnen, die zum Beispiel von der Landeszentrale für politische Bildung durchzuführen sind. Auch Aktionstage in Betrieben, Ausbildungsorten oder Unternehmen können helfen, für mentale Gesundheit zu sensibilisieren und ins Gespräch zu kommen. Damit einhergeht auch, dass es in großen Unternehmen eigene Beratungs- und Hilfsangebote gibt, die durch eine festangestellte Person gewährleistest werden. Wir fordern, dass sich öffentliche Stellen mit diesem Thema auseinandersetzen und entsprechende Maßnahmen in den jeweiligen Bereichen ergreifen, Öffentlichkeitsarbeit betreiben und selbst offen mit dem Thema umgehen.

Das Problem heißt Kapitalismus (mal wieder)
Die oben genannten Forderungen und Maßnahmen können für Verbesserungen sorgen und Menschen helfen. Aber in einer Welt, die deshalb funktioniert, weil sie Menschen ausbeutet und die den Wert eines Menschen anhand seiner Leistung und seiner Arbeitskraft misst, sind psychische Erkrankungen vorprogrammiert. Selbstfürsorge ist letztendlich dafür da, leistungsfähiger zu sein und langfristig einen Beruf ausführen zu können. Das muss sich ändern, unsere Gesundheit ist wichtiger als Profite. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, langfristig über das kapitalistische Gesellschafts- und Wirtschaftssystem hinwegzukommen. Ein erster Schritt muss daher sein, die 4-Tage- Woche bei vollem Lohnausgleich einzuführen und das menschenverachtende Hartz-4 endlich abzuschaffen.


Auf diesen Antrag aufbauend braucht es in den nächsten Jahren eine tiefgründige Auseinandersetzung, wie auch Lokal- und Landespolitik in diesem Bereich für Verbesserungen sorgen kann. Bisher ist mentale Gesundheit ein Nischenthema weniger Politiker*innen und wird oft nicht als politisches Thema verstanden. Als Grüne Jugend ist es unser Anspruch, das zu ändern und das Thema auf die politische Agenda zu setzen.

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